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Rudolf Bussmann Ayse Yavas

Sprechen und Schweigen

Lesezirkel mit Rudolf Bussmann

Literaturhaus Basel

Kursdaten
Montag, 19.10., 2.11., 23.11., 7.12.2026, jeweils 19.00–21.00 Uhr

Das Gespräch ist die häufigste und direkteste Art verbaler Interaktion zwischen Menschen. Nicht immer aber verläuft es reibungslos, aus mannigfachen Gründen kann es erschwert oder gestört sein. Die erzählende Literatur unserer Kultur ist reich an Spielarten des Aneinander-vorbei-Redens, des Verschweigens, der Ausgrenzung aufgrund sprachlicher Verschiedenheiten.

Einige interessante Aspekte erschwerter Kommunikation finden sich in den Neuerscheinungen thematisiert, die im Zentrum des Lesezirkels stehen. An jedem der vier Abende kommt eines von ihnen unter der Leitung des Schriftstellers Rudolf Bussmann ausführlich zur Sprache.

Die Diskussion der Bücher geht von den Interessen und Leseerlebnissen der Teilnehmenden aus. Sie kreist um Handlung und Figuren, bezieht aber auch literarische Form, Aufbau und Sprache mit ein. Wenn die besprochenen Werke von allen auf den entsprechenden Abend hin gelesen werden, steht einem angeregten Austausch nichts im Weg.

Anmeldung
Direkt über das Anmeldeformular, per E-Mail info@literaturhaus-basel.ch oder telefonisch unter +41 (0)61 261 29 50

Kursleitung
Rudolf Bussmann (Autor)

Kosten
CHF 160/120 (Mitglieder LiteraturBasel, Studierende)

Anmeldeschluss
Montag, 21. September 2026

Werke und Daten ihrer Besprechung:

Jehona Kicaj: ë. Roman (Montag, 19. Oktober 2026)

«Ich lernte früh, dass ich schweigen musste, sobald wir die serbische Grenze erreichten», sagt die Ich-Erzählerin. Sie bringt aus dem Kosovo eine Sprache mit, die jenseits der Grenze als minderwertig gilt. In Deutschland, wo sie aufwächst, muss sie ihre Muttersprache ganz aufgeben. Deren Unterdrückung führt zu somatischen Problemen, die sich unter anderem als Spannungen im Kiefer manifestieren. «Wenn ich Deutsch spreche, habe ich das Gefühl, mein Kiefer müsse sich verrenken, um die Wörter auszusprechen.» Die Erzählerin spürt, wie sich der Anpassungsdruck in ihrem Körper festsetzt, ihn steif macht. Jehona Kicaj beschreibt mit Präzision und grossem Feingefühl, wie tiefgreifend und schmerzvoll ein Prozess sein kann, der mit dem pauschalen Wort «sprachliche Integration» beschönigt wird.

(Wallstein Verlag 2025, 170 Seiten)

Gianna Olinda Cadonau: Am Kantenhain. Erzählungen. (Montag, 2. November 2026)

Die Protagonist:innen in Gianna Olinda Cadonaus Erzählungen haben mit einer traumatischen Vergangenheit zu kämpfen. Viele hat es in ein Bündner Dorf verschlagen, wo Zugezogene auffallen, und umso mehr, wenn sie weder Deutsch noch Rätoromanisch sprechen. Es sind Fremde oder sich fremd Fühlende, Ausgegrenzte, Verlorene, um die sich die Erzählungen drehen, oft Jugendliche, die von den Gleichaltrigen gemieden, mit ihren Problemen allein gelassen, von ihren Eltern misshandelt werden. Wenn jemand den Zugang zu einer dieser Personen sucht und behutsam auf sie zugeht, entsteht eine flüchtige Nähe, ein ahnendes Verstehen, eine zärtliche Geste – Zeichen dafür, dass es Brücken gibt, die aus der Einsamkeit führen, dass die Verlorenheit keine totale ist.

(Lenos Verlag 2026, 127 Seiten)

Jon Fosse: Vaim. Roman (Montag, 23. November 2026)

Der neue Roman des Nobelpreisträgers spielt auf einer norwegischen Inselgruppe. Er ist minimal besetzt – eine Frau und drei Männer – und gleicht einem Kammerspiel, in dem die Personen schicksalshaft miteinander verbunden sind. Die Männer, die nacheinander zu Wort kommen, geben Einblick in ihr Leben, das sie letztlich nicht verstehen. In ihren Monologen versuchen sie nachzuzeichnen, was mit ihnen geschieht, kommen aber ins Stocken, drehen sich um sich selbst, wiederholen Unbegreifliches, dem sie nicht auf den Grund zu kommen vermögen. Sie reden aneinander vorbei, mehr für sich als für das Gegenüber, in gleichsam autistischem Beharren auf ihren Floskeln und Sprechmustern. Je länger sie erzählen, desto deutlicher zeichnet sich die Einsamkeit ab, in der sie leben.

(Rowohlt Verlag 2025, 156 Seiten)

Robert Menasse: Die Lebensentscheidung. Novelle (Montag, 7. Dezember 2026)

Am Beginn der Novelle steht der Entscheid des Protagonisten, seine Anstellung bei der Europäischen Kommission zu kündigen, nachdem er eingesehen hat, dass innerhalb des bürokratischen Monsters nichts zu erreichen ist. Um seine kranke alte Mutter, die so stolz auf seine Karriere ist, nicht zu enttäuschen, erzählt er ihr nichts von seinem Entschluss. Und als er überraschend mit der Diagnose Krebs konfrontiert ist, will er ihr, um sie zu schonen, auch davon nichts sagen. Seine Bemühungen kreisen mehr und mehr darum, dieses zweifache Verschweigen bewahren zu können. Er zieht seine eigenes Ende mit allen medizinischen Tricks möglichst hinaus, um seine Mutter zu überleben und ihr mit seiner Lebenslüge einen ruhigen Tod zu ermöglichen.

(Suhrkamp Verlag 2026, 158 Seiten)

Mitwirkende und Biografien
Kursleitung: Rudolf Bussmann

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