«home delivery» liefert Ihnen in unregelmässigen Abständen Texte frei ins Haus: Damit wir den Kontakt zu unseren früheren und zukünftigen Gästen trotz Covid-19-Isolation nicht verlieren und damit Sie, liebes Publikum, trotzdem aus erster Hand erfahren, was die Schriftsteller*innen zu sagen haben, haben wir einige von ihnen gebeten, etwas für Sie zu schreiben. Das Thema ist offen, die Autor*innen haben carte blanche. Ausserdem weisen wir mit kurzen Ausschnitten auf Bücher hin, die im Literaturhaus hätten vorgestellt werden sollen.

Kamen wir in den letzten Wochen abends etwas später nach Hause, lag im ersten Stock links, also der Wohnung schräg unter uns, stets irgendeine Kleinigkeit auf dem Abtreter, meistens in Geschenkpapier verpackt. Unschwer war zu erraten, ob es Bücher, CDs oder DVDs waren. Dann wieder lehnte ein Schokoladenosterhase an der Tür oder stand ein Körbchen mit Erdbeeren da. In die Wohnung war Ende Februar Frau L. eingezogen, die ich auf Mitte dreissig, J. auf Anfang vierzig schätzte. Ein selbstklebender gelber Zettel verdeckte das alte Klingelschild. Frau L. hatte sich, als wir einander im Treppenhaus zum ersten Mal begegnet waren, umgehend vorgestellt. Sie sei aber nicht die neue Mieterin der Wohnung – im ersten Stock waren die Wohnungen nicht geteilt, also über zweihundert Quadratmeter gross. Sie dürfe nur so lange bleiben, bis sich ein Käufer für die Wohnung gefunden habe. Das Wohnrecht verdiene sie sich, indem sie Kaufinteressenten empfange und herumführe, die Eigentümer wollten die Maklergebühr sparen.
«Dann hoffen wir mal», sagte ich, «dass die Wohnung überteuert ist und niemand sie kauft.»
«Oh!», rief sie. «Da brauchen Sie sich keine Gedanken zu machen.»
Ausgerechnet Frau L. kümmerte sich um die Pflanzen im Hof, die seit dem tödlichen Schlaganfall des Hausmeisters verwahrlosten. Sie wässerte die Sträucher, schnitt die Zweige und jätete Unkraut.
«Wir müssen alle was tun, damit wir überleben», erwiderte sie auf J.s Frage, ob Gartenarbeit auch zu ihren Aufgaben gehöre.
Auch wenn es alle möglichen Erklärungen dafür geben konnte, verwunderte es mich trotzdem, dass eine attraktive, intelligente und noch dazu freundliche Frau ihres Alters noch wie eine Studentin lebte.
Ich traf Frau L. meistens ein oder zwei Mal pro Woche, weil sie zu der Zeit, in der ich für Erledigungen und Einkäufe das Haus verliess, mit dem Fahrrad nach Hause zurückkehrte. Stets stieg sie über den Sattel ab, als fahre sie ein Herrenrad. Sie trug immer dieselben leichten Wanderschuhe und eine Arbeitshose. Nur die Jacken wechselten je nach Wetter.
Beim Joggen hatte J. eines Tages Frau L. in jener Frau erkannt, die in dem grossen Beet im Volkspark arbeitete, was J. bei der nächsten Begegnung im Treppenhaus zu euphorischen Danksagungen veranlasste. Denn ganz gleich, welche Strecke J. zum Laufen wählte, den Höhepunkt bildete stets jener Weg, der durch das Beet führte, auf dem J. besonders langsam lief, um die Düfte einzuatmen und die Farbenpracht zu geniessen, die sich dort von April an bis in den Oktober hinein entfaltete.
Bei diesem Gespräch wagte ich meinerseits eine Anspielung auf die Geschenke vor ihrer Tür.
Doch Frau L. winkte nur ab. J. fand, dass meine Frage unpassend gewesen sei, keinesfalls taktvoll.
«Vielleicht will sie ja darüber reden», behauptete ich.
«Hast ja gesehen, wie sehr es sie dazu drängt», erwiderte J.
«Du bist es doch, die unentwegt Vermutungen anstellt, wer es sein könnte.»
«Aber ich behellige sie nicht damit.»
Obwohl ich glaube, dass J. und ich einander gleichermassen lieben und zwischen uns eine natürliche Machtbalance herrscht, gibt J. in Sachen Haus den Ton an. Ich bin vor sechs Jahren hier eingezogen und so wie J. für mich geboren zu sein scheint, scheint auch diese Wohnung auf mich gewartet zu haben. Das sage ich, obwohl oder vielleicht auch weil mich die Schreierei über und genau unter uns und das furchtbare Türenschlagen regelmässig nervös macht. Ich kenne das alles nur zu gut und möchte es nie wieder erleben.
J. ist mit fast allen im Haus per Du. Deshalb enttäuschte mich ihre Ratlosigkeit beinah, wer der Verehrer von Frau L. sein konnte. Es musste jemand aus unserem Haus sein. Denn sich Abend für Abend ungesehen Zutritt zu verschaffen, ohne einen Schlüssel für die Haustür zu besitzen, schien unwahrscheinlich. Im Vorderhaus lebte niemand allein. In den Seitenflügeln hingegen gab es einen Junggesellen, dem wir diesen Minnedienst allerdings nicht zutrauten. Jemand aus der Studenten-WG oder gar aus den jüngeren Familien erschien J. ebenso unwahrscheinlich.
«Nun muss ich bald ausziehen, die Handwerker rücken an», sagte Frau L. Anfang Juni, als ich ihr die Haustür aufhielt. «Ich weiss jetzt, wer es ist, falls es sie noch interessiert», fügte sie nach einer kurzen Pause hinzu. «Die über mir, die Frau M.»
Sie wünschte mir noch einen schönen Tag und schob ihr sirrendes Rad an mir vorbei in Richtung Hof.
J. wollte es mir nicht glauben. Frau M., also Karin, führe eine gute Ehe, das könne sie beschwören, und die beiden Töchter, die schon studierten, lebten weiter bei den Eltern.
Von nun an lagen auch tagsüber Geschenke auf dem Abtreter von Frau L. – bis wir bemerkten, dass es dieselben waren, die wir schon spät abends gesehen hatten. Offenbar verweigerte Frau L. deren Annahme.
Etwa zwei Wochen später hörte ich morgens kurz hintereinander mehrere Schreie, eine Tür wurde zugeschlagen. Als es wieder ruhig war, wollte ich die Zeitung heraufholen. Der Treppenabsatz unter uns war voller Blumen, ein regelrechter Blumenteppich, wie ich ihn noch nicht gesehen hatte.
Kaum eine halbe Stunde später klingelte es bei uns. An der Sprechanlage meldete sich die Polizei. Heraufgestapft kamen dann eine Frau und ein junger Mann in Uniform, behängt mit allen Utensilien, die sie so brauchen. Sie bedankten sich, dass wir sie eingelassen hatten und erkundigten sich nach Frau M., also nach Karin, die offenbar nicht zu Hause war oder nicht öffnete. Es bestehe der Verdacht, dass diese Blumen im Haus aus dem Volkspark stammten. Dort habe letzte Nacht in einem Akt von Vandalismus der Täter oder die Täterin alle Blumen abgeschnitten.
Ein paar Tage später erklärte uns Frau L., sie habe um Mitarbeit bei der Ermittlung der Schadenssumme gebeten, die Angabe der Arbeitsstunden und die Berechnung der Kosten für eine neue Bepflanzung keinesfalls übertrieben, aber doch nach oben hin ausgereizt. Es gehe ja nicht an, sagte Frau L. bitter, dass man jemanden, sei es aus Unwissenheit oder aus welchen Gründen auch immer, mildernde Umstände zubillige, der einem die Arbeit, die doch das Wichtigste im Leben sei, zunichte mache.

Copyright: Ingo Schulze 2020
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Ingo Schulze stellt seinen Roman «Die rechtschaffenen Mörder» (S. Fischer) am 10. Dezember im Literaturhaus Basel vor.
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